Fucking Heroines! Von unfuckable zu unfuckable WITH Empowerndes autobiographisches Schreiben von Frauen im Punk/Rock

„Ich selber weiß doch nur etwas von ‚ich‘“! – Lou Andreas-Salomé

“I’m realizing that putting myself in the center of the narrative was what people were most interested in instead of approaching it from a theoretical perspective.” – Carrie Brownstein

Einleitung: Darf ich das?

Über MICH schreiben? Singen? Als Frau? Vorne stehen, auf der Bühne, und zwar explizit nicht gefällig für den male gaze, sondern kämpferisch, schrill, un-schön; vielleicht sogar wütend? Mich wehren gegen Strukturen, die mich ausgrenzen, in denen ich nicht vorgesehen bin, auf Missstände aufmerksam machen, um vielleicht doch Gleichgesinnte zu finden? Die weibliche Todsünde begehen: unfeminin sein – unfuckable werden? Darf ich das?

Es zieht sich durch so viele Frauenleben und wurde über unzählige Generationen tief in uns eingeprägt: das Selbst- und Sendungsbewusstsein, das fehlende.

Auch nachdem es langsam nicht mehr lebensgefährlich war, wild zu sein oder frei oder laut oder schlicht „anders“ als Frau und man aufgehört hatte, Hexen zu verbrennen, haben wir es uns lange genug selbst vom Brot nehmen lassen wie Butter: unser Selbst-Bewusstsein. Auch und gerade in den Wissenschaften war Subjektivität, und ganz besonders jede, die als other konnotiert war, lange Zeit ein absolutes No-Go.

Das Ich, vor allem von Frauen, war verpönt.

Mein damaliger Chef an einem literaturwissenschaftlichen Institut hat es noch im Jahr 2008 schlicht abgelehnt, meine geplante Habilitation zu Autobiographien von Künstlerinnen zu unterstützen. Die Begründung: „Mit so einem Frauenthema nimmt Sie doch keiner ernst.“

Denn weil dort – wie in den Wohnorten der Macht generell – das Ich stillschweigend so lange mit männlich, weiß und hetero gleichgesetzt werden konnte, war die als Goldstandard propagierte Objektivität durchaus eine heuchlerische; und daher ist es nur konsequent, dass sich weibliche, queere und nicht-weiße Subjekte ganz bewusst als solche heute nicht nur äußern dürfen, sondern dies verdammt nochmal weiter tun müssen: schreibend, schreiend, wütend. Empowernd oder schlicht durch ihr Tun quasi Erlaubnis erteilend – damit andere Andere sich das dann auch trauen.

In diesem Sinne erhebt dieser Essay keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, wissenschaftliche Objektivität oder ähnliche Tugenden.

Er ist vielmehr eine durchaus emotionale Momentaufnahme der Empörung

– gespeist aus der Summe meiner subjektiven Erfahrungen als aktive Musikerin und Musik-Fan, Wahrnehmungen und Eindrücke aus den Erfahrungsberichten einiger meiner role models. Zudem beschränke ich mich, auch der Natur des Beitrags und seiner Kürze geschuldet, bewusst auf ein bestimmtes Genre – Punk/Rock – und lasse daher an dieser Stelle andere wichtige Pionier_innen und Held_innen wie etwa Peaches (elektronische Musik) oder Betty Davis (Funk/Soul aus dem Parliamant/Funkadelic-Dunstkreis) außen vor. Wer eine umfassendere Geschichtsschreibung sucht, dem oder der sei das wichtige Buch Revenge of the She-Punks (2019) von Vivien Goldman empfohlen. Diese hervorragende „Feminist Music History from Poly Styrene to Pussy Riot” erschien aber leider erst, als dieses Essay schon abgegeben werden musste – zudem fände ich es nicht sinnvoll, hier lediglich eine Zusammenfassung dieses Buches zu liefern. – So be prepared – I’ll walk my talk.

Achtung: Es wird subjektiv.

Schauen wir uns ein paar Vorreiterinnen an – und nehmen wir zunächst und vor allem Viv Albertine (*1954). Warum? Weil ich, ganz schlicht und ergreifend und für manche vielleicht auch ungewohnt oder gar provokant, Fan bin. Oder wie Jens Peter Jacobsen es in seinem Roman Niels Lyhne ausdrückt:

Du sollst nicht gerecht sein gegen ihn; denn wohin kämen die Besten von uns mit der Gerechtigkeit; nein; aber denke an ihn, wie er in der Stunde war, da du ihn am tiefsten liebtest…

Das Wort „Liebe“ ist noch immer angstbesetzt für Viele. Besonders, wer im intellektuellen oder wissenschaftlichen Diskurs ernstgenommen werden will, wird es vermeiden. Dabei schafft Liebe Wissen, emotionale Kognition. Die unter Umständen tiefer geht als die (Illusion der) Objektivität. Und die Liebe zur Musik, oder durch die Musik, sowieso.

Cog Rock statt Cock Rock!

Allein mit dem großen Wort Liebe jedenfalls, und gerade in seiner Konnotation totaler Subjektivität sowie, durchaus, auch mal Besessenheit, wird man dem Phänomen gerecht, das Viv Albertine heißt. Denn ihre Kunst hält etwa Rilkes Definition davon und Standard dafür – aus dessen Briefen an einen jungen Dichter – wirklich stand:

Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs liegt sein Urteil: es gibt kein anderes.

Ihre Musik, für mich aber vielmehr noch ihr Schreiben, entsteht ganz klar aus Notwendigkeit. Darum inspiriert sie große Gefühle und, darüber hinaus, Taten; ihre Worte und Präsenz wirken so performativ, wie nur große Kunst und große Künstler es können. Der Besuch eines einzigen Konzerts ihrer Band konnte ganze Leben verändern. Das Lesen ihrer Texte kann revolutionieren. Klingt nach Pathos? Ist es auch: nämlich (griechisch für) „Leidenschaft“. Und wir brauchen dringend mehr davon.

Wer ist nun Viv Albertine?

Sie war die Gitarristin der Slits, einer britischen Punkband in den späten 1970er Jahren, bestehend aus vier Frauen und damals so wichtig wie die Sex Pistols, aber heute dem Mainstream ähnlich unbekannt wie Lou Andreas-Salomé im Kreise ihrer Giganten wie Nietzsche, Rilke oder Freud. Obwohl sie eine wichtige Akteurin der Londoner Punkszene in den Siebzigern war, leitet sie ihre erste Autobiographie Clothes Clothes Clothes. Music Music Music. Boys Boys Boys (2014) dennoch mit einer Entschuldigung ein – dafür, dass sie sie schreibt: „Anyone who writes an autobiography is either a twat or broke. I’m a bit of both“ (2016, S. ix). Warum sie das tut – sich im ersten Satz ihres Buches selbst als Arschloch, Depp oder Fotze deklariert – erklärt sie vier Jahre später:

There’s a part of me that thinks, as a woman, I didn’t have the right to write about myself, my life, my poxy life. Even though I’d been a musician, I’d done lots of different things. And a man probably would think nothing, and men do think nothing of writing about themselves, with much less of a life lived than mine. (The Pool, 2018)

Es war aber nicht nur das fehlende Sendungsbewusstsein, der Mangel an weiblichen Vorbildern oder ein durch familiäre und gesellschaftliche Prägungen unterentwickeltes Ego, die Albertine fast abgehalten hätten vom Verfassen dieses instant classic der modernen Literatur und „besten Buchs über Punk“ (Greil Marcus im Interview mit ihr, 2018). Zunächst sagte sie sich: „That was the past – and punk isn’t interested in nostalgia” (Interview mit m4music, 2016). Doch dann nahm sie mit 50 wieder ihre Gitarre in die Hand, trat bei Open Mic Sessions auf und siehe da: “I had all the same responses as when I was a punk: You’re a girl, you can’t play, you can’t sing, you’re too old” (ebd.).

Warum das wiederum so ist?

Weil die Standards dessen, was Kunst und was gute Musik ist und dessen, wer was darf und wer nicht, noch immer viel zu oft unhinterfragt vom traditionell männlichen Blickwinkel geprägt bleiben.

Und wir müssen erst den Status Quo sexueller Stereotypen anschauen und erleben, bevor wir ihn verändern können.

Viv macht es vor: den hecklers, die sie bei einer ihrer Open Mic Nights, trotz mehrmaliger Bitten, die anderen zahlenden Gäste doch in Ruhe zuhören zu lassen, immer wieder störten, goss sie schließlich langsam ihre Pints mit Bier über die Köpfe. Tatsache ist, dass es Punk und Riot Grrrl zwar gab, diese Bewegungen aber lange vorbei sind (obwohl sie teils, nur kurz und verwässert, u.a. von den blitzeblanken Spice Girls als Girl Power marktfähiger wieder aufgegriffen wurden). Uns als Musiker_innen, gerne auch mittleren Alters, dem Konzertpublikum und vor allem

unseren Töchtern fehlen aktuell die Vorbilder.

Beispiel gefällig?

Support your local Punk scene – and let’s empower our girls!

Vor Kurzem erst wurde ich in der norddeutschen Provinz, wo ich nun seit über zehn Jahren lebe, diesbezüglich wieder wachgerüttelt. Mein Feminist_innenherzchen bebte, and not in a good way, im hiesigen Haus der Jugend. Das Musikbüro hatte mich in die Final-Jury von Rock in der Region, dem größten Bandwettbewerb vor Ort, geladen, und ich kam – mitsamt an die 30 anderen alten Säcken, singenden Socken und jungen Machern der lokalen Musikszene. Erfreulich: Unter den Mit-Juroren war immerhin eine weitere Handvoll Frauen. Yeah!

Dann allerdings spielten die fünf Bands auf, die ihren jeweiligen Vorentscheid gewonnen hatten. Auf der Bühne: ausschließlich weiße Jungs, den ganzen Abend lang. Das Schlimmste daran war nicht einmal, dass ich mich derbe aufs Tanzen gefreut hatte, die Musik aber durchgängig schlicht zu langweilig dafür war – ich kann es nicht anders sagen, ich fühlte mich wütend, traurig und durchaus auch schockiert: Nicht nur über die fehlenden Ladies und/oder Nicht-Kartoffeln (ich kann diese Wortschöpfung für uns auch als Deutsche sehr gut nachvollziehen!) auf der Bühne, sondern auch über die achselzuckenden Reaktionen der meisten Konzertbesucher_innen (und teilweise auch Veranstalter_innen), wenn ich sie darauf ansprach.

Immerhin war ich erleichtert, dass ich meine (Schlagzeug spielende) achtjährige Tochter zuhause gelassen hatte: Sie hätte doch glatt den Eindruck gewinnen können, dass Frauen vielleicht einfach keine Rockmusik machen können oder wollen

– wie eine Freundin ganz im Ernst meinte. Und wie offenbar auch die Veranstalter_innen des Hurricane befanden, die recht blauäugig ein ausschließlich männliches Line-Up für 2019 vorgesehen hatten (und dafür zu Recht einen fetten Shitstorm ernteten). Klar ist: Es geht auch anders, und es gibt genug gute Musikerinnen – wie es prompt das Benicassim-Festival bewies, mit exakt 50% weiblicher Acts. Und auf lokalem Level? Muss wohl noch eine Menge an Förderung und Umdenken passieren, damit unsere Kinder die richtigen Signale und Vorbilder in Sachen Diversity bekommen. Wir alle sollten öfter mal darüber nachdenken, ob es wirklich naturgegeben ist, dass manche privilegierte Positionen fast ausschließlich von der männlichen Hälfte der Gesellschaft besetzt werden – und ob wir daran etwas ändern wollen.

Weil es wirklich wichtig ist, wiederhole ich es an dieser Stelle: Entgegen der Tatsache, dass frau als Akteurin in der Musikszene gerne ihrer Individualität, öhm, entkleidet und sofort unter dem Massenbegriff weiblich subsumiert wird (female fronted, all-female o.ä. – man stelle sich nur einmal male fronted oder all-male vor…klänge das nicht komisch? -Eben!), und dass Frau UND Ü40 in bestimmten Stilrichtungen und Szenen allem Anschein nach nicht geht auf der Bühne,

kann und muss das Erzählen vom Erleben des Anderssein gerade in der Männerdomäne Punk/Rock ein sehr subjektives sein.

Es ist ein den meisten Rocksängerinnen bekanntes Phänomen, von männlichen Mit-Musikern oder Konzertbesuchern so häufig wie schnell in eine Kategorie einsortiert zu werden, in der dann am besten auch noch eine von höchstens vier Vergleichsmöglichkeiten (von Siouxsie über Björk bis Gwen, vielleicht noch PJ Harvey, wenn man Glück hat; ich wurde auch schon wahlweise ungefragt als Groupie oder Roadie eingeschätzt) bemüht wird, um ja jede Individualität und eigene künstlerische Identität im Keime zu ersticken.

So auf jeden Fall meine eigene, naturgegeben subjektive Erfahrung aus 27 Jahren Punk/Rockszene in den USA (1989), London (1994-2003), und in Deutschland; mit reinen Frauenbands (Pristine aus Dortmund), gemischten Truppen (A Tennis Drama und, aktuell, Jetsun aus Osnabrück) und, leider typischerweise, als Frontfrau unter einem Haufen Jungs (alles in London und in meiner Heimat, der Pfalz – wo das Epizentrum Kaiserslautern, oder K-Town, Anfang der Neunziger überregional bekannt war mit seinem prima Empowerment-Klima dank seiner blühenden Hardcore-Szene um die Spermbirds), der das Gitarrespielen und/oder auch mal lauter Singen stets sehr schnell abgewöhnt oder ausgeredet worden war. Na klar, ich hätte mich mehr wehren müssen und wohl auch können – doch meine Pfälzer Provinz-Sozialisation als neddes Määdsche, d.h. lieb, leise, unkompliziert in den Siebzigern und Achtzigern war anfangs nachhaltig gelungen. Immerhin, seit 1989 bin ich nun eine von den „Girls Who Play Guitar“ (Maximo Park) oder auch ein „Girl in a Band“ (Kim Gordon) – und hatte allenthalben, und habe bis heute, mit Vorurteilen zu kämpfen, was mich tatsächlich immer wieder aufs Neue verwundert.

Keine Situation war aber auch nur annähernd so krass oder gar gefährlich wie das, was Viv Albertine in ebenjenem Clothes Music Boys beschreibt, über ihre Anfänge im Punk im London der 1970er im Umfeld der Pistols, The Clashs und Vivienne Westwoods SEX-Boutique. Ähnlich wie später Riot Grrrl-Manifesto-Verfasserin (und Namensgeberin von Nirvanas Smells Like Teen Spirit) Kathleen Hanna, die regelmäßig Morddrohungen erhielt und auch Opfer von Übergriffen wurde, erzählt Viv von Messerattacken auf offener Straße: „We were often spat at and verbally abused. Ari was stabbed on two separate occasions by angry men“ (Guardian, 2018). Es geht ums Mundtot-gemacht-werden-sollen auf welche Weise auch immer, bis hin zur Körperverletzung bzw. Mordversuchen – einfach dafür, dass die Slits es wagten, so voller POWER auf die Bühne zu gehen, laut, wild und schrill. Frauen empowernd. Im England Thatchers!

“It was so dangerous to be a punk and female. And the way we looked and acted made it more dangerous (…) We had to be together because it was too risky not to. That took its toll. We fell apart because of the pressures we got as women, for sure. A male band would have lasted much longer.“ (Guardian, 2018).

Und dann sind da immer wieder die Parallelen zum Jetzt, beginnend mit ihrer Zeit als Ü-50-Jährige, die bei Open Mics in kleinen Kneipen in Middle England auf vielleicht noch nachdenklicher machende Weise stets aufs Neue mit unerbetenem Mansplaining zu ihren Amp-Einstellungen plus umfassender Missbilligung ihrer Existenz als Musik machende Frau mittleren Alters (und ergo: unfuckable) konfrontiert wurde. Sie sagt dagegen in ihren Memoiren, dass sie teils absichtlich, teils eben aus Mangel an Vorbildern tatsächlich anders singt, Gitarre spielt und textet als von der herrschenden Norm vorgesehen: schrill, schräg, emotionaler; mit Texten, die sich aufs Zu-Tode-gelangweilt-Sein als Provinz-Hausfrau und Mutter beziehen und darauf, dass für sie Ü40 das Leben gefälligst vorbei zu sein habe und sie von der Bühne abtreten solle (wie es ihr eigener Mann einst nahelegte). Albertine sagt, dass für sie dagegen die Männer auserzählt haben:

Jahrtausende sind von der männlichen Sichtweise auf Geschichte(n) geprägt; nur noch Frauen können jetzt überhaupt noch Neues produzieren, noch wirklich Kunst machen.

Obwohl ziemlich genau gleich alt, nennt Sonic Youths Kim Gordon (*1953) Albertine als eins ihrer wichtigsten Vorbilder und betont die Macht und das Empowerment, die im Fan-sein stecken. Sie benennt auch die Wichtigkeit der Dynamik, nicht nur zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Band, sondern auch zwischen der Band und dem Publikum – wobei das Kräfteverhältnis zugunsten der Menschen VOR der Bühne gewichtet ist. Traditionell waren viele Frauen und Mädchen eher vor als AUF der Bühne zu finden, bzw. hinten im Publikum statt vorne; zumindest, bis Kathleen Hanna (*1968) mit Bikini Kill und dem Riot Grrrl Manifesto „Girls to the front!“ rief:

“Punk rock was almost an intervention. It drew attention to consumerism. It brought a lot of people into music that wouldn’t have necessarily thought that they could be in a band…It empowers you as a fan, to go up to someone and say ‘I really like your work’. My heroes growing up were people like The Slits, The Raincoats, Suzie…I looked up to them. The Runaways. They were a fabrication, but a kick-ass band.” (Interview mit Lauren Laverene für The Point, 2015).

Nebenbei bemerkt sind alle diese Musikerinnen sowohl befreundet oder mindestens in Kontakt miteinander, als auch heute noch künstlerisch aktiv: Hanna, nach Bikini Kill und Le Tigre (zusammen mit der gender-fluiden JD Samson, die durch ihre Beziehung mit Sia Furler später auch mit Christina Aguilera arbeitete), mit The Julie Ruin; Gordon, nach dem Aus von Sonic Youth (ihr Partner Thurston Moore verließ sie, ganz klischeehaft und normal, wie sie sagt, für eine jüngere Frau, einen Fan der Band), u.a. mit „Body/Head“. Nach ihrem Solo-Erfolg mit dem Album The Vermilion Border feiert Albertine mittlerweile Erfolge als Schriftstellerin, und auch Gordons Memoiren Girl in a Band fanden großen Anklang in der Kritik. Über Hanna, seit langem verheiratet mit Ad Rock von den Beastie Boys (der, inspiriert durch sie, lange vor #metoo bei den MTV Music Awards auf sexuelle Gewalt gegenüber Frauen aufmerksam machte und damals noch betretenes Schweigen dafür erntete), gibt es den sehenswerten Film The Punk Singer. Was also noch empowert? Austausch. Netzwerke. Kollaborationen. Das sollen diese biografischen Details unterstreichen. Frauen (und feministische Männer), bildet Banden!

One of the punkest things I have ever seen

Carrie Brownstein (*1974) von Sleater-Kinney, heute Jüngeren vielleicht eher bekannt aus ihrer Hipster herrlich aufs Korn nehmenden Comedy-Serie Portlandia (in der einige unserer Heroines Cameo-Auftritte hatten bzw. wo sich auf sie bezogen wird), sieht das ähnlich. In ihren Memoiren Hunger Makes me a Modern Girl erzählt sie ebenfalls vom Stellenwert des Fan-Seins und der Wichtigkeit weiblicher Vorbilder sowie eines Wir-Gefühls, um ein gesundes Ich zu entwickeln. Es geht um die Szene in Seattle, Olympia und Portland und dem queer sein im Herzen des Grunge. Sie sagt über Viv Albertine, in deren Tradition sie sich sieht, nachdem sie 2009 einen ihrer Solo-Gigs als „middle-agend mum“ erlebt hatte:

“I realized I hadn’t really witnessed fearlessness in a long time, at least not at a rock show. As one of my friends put it, more succinctly: ’This was one of the punkest things I have ever seen‘.” (Monitor Mix 2009).

Und was ist Punk, wenn nicht Empowerment? Der DIY-Ethos, der revolutionäre Gedanke, dass Jede_r einfach machen kann und Keine_r besser ist als ein_e Andere_r. “I miss that unprofessionalism so much. Now, everyone has gone to music school and they all play brilliantly and you think, why are they even playing live? It’s all so bloody middle class now”, sagt Viv im Interview mit dem Guardian (2018).

Hier liegt vielleicht ein Ansatz, der erklärt, warum – zumindest auf Wettbewerben für Rockbands in der deutschen Provinz – heutzutage Frauen (oder auch unkonventionellere Musiker_innen generell!) auf der großen Rock-Bühne eher nicht vorkommen: Unter den Kriterien, die wir als Jury zu berücksichtigen hatten, waren die technischen Fähigkeiten aller Instrumentalisten und der saubere Gesang der Frontmänner. Was ist, wenn Frauen anders spielen, anders singen; auch mal schrill und laut sein wollen, um ihrem Ärger Luft zu machen? Als Greil Marcus Albertine darauf anspricht, dass ein bestimmter Satz, “anger is an energy”, den Slits zugeordnet wird, der später der Titel von Johnny Rottens zweiter Autobiographie wurde, ergänzt sie:

“To be angry was the sin of all sins: it meant being unfeminine (in London in the 50s, 60s, 70s). It was considered ugly – and still is. On stage, we could be angry. There was a little sub group of people who didn’t judge us. Anger and rage gave me the confidence to pick up a guitar at 19.” (Interview mit Greil Marcus, 2018).

Darum geht es auch in ihrem zweiten Buch, dem ebenfalls autobiographischen To Throw Away Unopened (2018):

“I think it is essentially about rage and being an outsider (…) Female rage is not often acknowledged – never mind written about – so one of the questions I’m asking is: ‘Are you allowed to be this angry as you grow older as a woman?’ But I’m also trying to trace where my anger came from. Who made me the person that is still so raw and angry? I think that it’s empowering to ask that question. I really hope it resonates with women.” (Guardian, 2018).

Wut zeigen empowert. BÄM! Das lassen wir jetzt mal so stehen.

OMG, thank God, I’m not crazy!

Was außerdem empowert? Eben das (dafür) Nicht-verurteilt-werden. Die Realisation, nicht alleine und/oder verrückt zu sein in der Wahrnehmung der Welt und dessen, was frau in ihr erlebt. Im selben Interview sagt Albertine: “I want to say to younger women especially that it’s OK to be an outsider, it’s OK to admit to your rage. You’re not the only person walking down the street feeling angry inside.“ Dass Andere Ähnliches fühlen, lässt uns näher bei uns sein – und andersherum müssen wir deswegen von unseren Erfahrungen erzählen, um andere diese Nähe zu sich selbst zu ermöglichen. Carrie Brownstein sagt: „I wrote ‘Hunger’ in part to figure out how to make decisions that put you at the center of who you want to be” (Interview mit Sam Jones).

Caitlin Moran (*1975), in den 1990ern die jüngste weibliche Musikjournalistin Großbritanniens beim Melody Maker, gibt uns einen Einblick in die Frauenfeindlichkeit des Laddism im Britpop – zu einer Zeit, während der ich selbst Erfahrungen in Londoner Pop-Punk-Bands sammeln konnte. Und sagt klar, warum sie schreibt und inwiefern Fan zu sein viel wichtiger ist, als man denkt. Wo sich der Kreis wieder schließt: „I’m not crazy, this is evidence, I’m not alone, the world is sexist, men respond differently to men than to women.” Wie Viv, die sagt, dass sie eigentlich Selbsthilfebücher schreibt (und damit ironischerweise wiederum die Literarizität und den immensen künstlerischen Wert ihrer Werke negiert in einer Welt, in der scheinbar noch immer nur entweder/oder möglich ist), ist es Caitlin ein Anliegen, Frauen zu helfen. Sie will, dass wir ihre Bücher lesen und denken: „OMG, thank God, I’m not crazy!“.

Über ihr jüngstes Werk, How to be Famous (2018), sagt sie: „The idea of the book is about sexual shame (revenge porn) at the height of Britpop. Everyone was famous in 1995!” (The Pool, 2018). Es befasst sich mit der Frage, wie Frauen sich wehren können, die slut-shamed werden. „The shame is not ours – as I was writing it, the whole Harvey Weinstein thing was breaking,” sagt Moran. Der Roman ist eine Ode an die Fan-Girls, die Musik wirklich lieben, leben und emotional auf sie reagieren – und die genau dafür vom männlichen Musik-Nerd, NME-Kritiker, Rockstar und London Lad mit Verachtung betrachtet und behandelt werden. Kurz nach dem Ende von Riot Grrrl – einer Bewegung, deren Akteur_innen sich selbst das Wort SLUT auf die Körper malten und sich ihre Power laut zurückholten gegenüber patriarchalen und/oder gewalttätigen Kräften, die sie zum Objekt degradieren wollten, war es, als hätte es dieses Wieder-Aufbäumen des Punk, gemischt mit performativem Feminismus, nie gegeben. COOL BRITANNIA huldigte dem immer männlichen, stets cool-unterkühlten Lad im Trainingsjäckchen und London fühlte sich 1995 an wie ein „emotionally-reductive (…), sullen teenage boy, scared of girls“ (Moran 2018, S. 234):

“There were very few other women in the room and so the presence of the models (in tiny PVC shorts) became ever-more disturbing, as man after man in jeans, or wearing a parka, went up on stage to collect their award. Just two years after everything was PJ Harvey, Björk, Alanis Morissette, Courtney Love and Riot grrrl – clever, funny warrior-women, smarter and bolder and faster than any man in this room – this queasy, silent return of ‘sexy lady models’ was jarring. Not least because, as the evening went on, it became increasingly clear that the only woman who had won an award that night was Kylie Minogue, for ‘Most Desirable Person In The World’ – and that she would, therefore, be the only woman who spoke all evening.” (S. 234-5).

Und heute, im Jahr 2019, sieht das alles leider auch nicht großartig anders aus. Anscheinend darf die starke, laute Frau – das anarchisch-verspielte Girl-Child (explizit jeden Alters und gerade auch als Frau mittleren Alters, die ansonsten gefälligst gefällig unsichtbar zu bleiben hat!), das dem patriarchalen Predator Angst einjagt – nur alle paar Jubeljahre im Rahmen einer stets recht kurzen Mode-Welle auf der Bühne und im Rampenlicht stehen. Sehr bald wieder wird sie dann sozusagen in dekoratives Ganzkörper-PVC gesteckt und mundtot gemacht als unbedrohliches Objekt für den male gaze.

Wie können wir das verhindern, welche gesünderen Angewohnheiten können wir pflegen; was empowert uns alle so, dass die Rockmusik vielleicht irgendwann einmal ganz selbstverständlich eine Szene ist, in der alle seinen und ihren Platz haben – unabhängig von Gender, Hautfarbe, Alter und der sexualisierten Macht-Agenda du jour?

In Girl in a Band hat Kim Gordon eine weitere Antwort auf die Frage, was uns unsere Macht zurückgibt: wenn wir als Künstler_innen unsere Hochsensibilität und Emotionalität nicht länger verstecken, sondern uns zeigen – in aller Verwundbarkeit. Sie spricht von ihrem Kampf mit ihrer eigenen Identität und dem Ärger, den sie fühlte „at who I was“:

“Every woman knows what I’m talking about when I say girls grow up with a desire to please, to cede their power to other people. At the same time everyone knows about the sometimes aggressive and manipulative ways men often exert power in the world, and how by using the word empowered to describe women, men are simply maintaining their own power and control. (…) Back then, and even now, I wonder: Am I ‘empowered’? If you have to hide your hypersensitivity, are you really a ‘strong woman’? (…) the only really good performance is one where you make yourself vulnerable while pushing beyond your familiar comfort zone.” (Gordon 2015, S. 132).

Albertine spricht ebenfalls davon, dass sie mit sehr vielen jungen Menschen ins Gespräch kommt und dass sie unter den aktuellen Musikern nur die Aktivist_innen interessieren und dass sie ebenso großes Interesse daran hat, mit „careerists“ zu sprechen, wie mit Bankkaufleuten oder Buchhaltern: „Art and music have become entertainment and business (…) when I was young, you had to be a rebel to do that. You chose that life because you were an outsider” (m4music, 2016).

Und sie erzählt von einer Art zwanghaften Ehrlichkeit als Künstlerin – und deren Konsequenzen:

“When I’m making a piece, a song or a book, I have to be honest. There’s absolutely no point in doing it, it’s of no use to anyone, if I’m not honest…there is a price to pay for that…you become much less tolerant for dishonesty.” (Interview Greil Marcus, 2018).

Let’s all be Bad Feminists

Vivs Wort Karrierist_in hallt nach, auch aktuell, und auch in der Rockmusikszene. Leider erlebe ich tatsächlich selbst noch immer und allzu oft, dass sich Frauen und Mädchen nicht (zu)trauen, ihre Stimme zu erheben: „Ich kann nicht singen!“; „Das darf ich nicht sagen, wenn ich meinen Job behalten will!“; „Ich würde gerne zur Diskussion beitragen, aber ich bin mit den feministischen Terminologien nicht vertraut genug!“. Hier steckt eine Angst dahinter, nicht die akzeptablen Worte zu finden, ein „Bad Feminist“ (Roxane Gay) zu sein; es geht um

die Angst, von beiden Lagern ausgeschlossen zu werden.

Noch schlimmer ist allerdings das schlichte Leugnen, dass es überhaupt (noch) ein Problem gibt: „Die Öffentlichkeit liebt den Verrat, nicht aber den Verräter“ scheint die Parole zu sein – gerade unter den erfolgreichen Frauen, die es „nach oben“ in Machtpositionen geschafft haben in unserer noch immer überwiegend patriarchalen Gesellschaft, und die es sich mit den männlichen Machthabenden – den Rock-Stars und -Kritikern, die den Diskurs quasi bestimmen– nicht versauen wollen. Und die sich darum, bewusst oder unbewusst, mit ihnen solidarisieren. Und genau darum brauchen wir als Übergangslösung u.a. eine Quote, wo auch immer ein deutliches Ungleichgewicht zu verzeichnen ist: Solange, bis es hoffentlich eines schönen Tages nichts mehr ausmacht, wie hoch meine Stimme ist oder was ich zwischen den Beinen habe.

Es wäre mir eine Ehre sowie ein persönliches Anliegen, zum Empowerment – vor allem für Frauen, auch ältere, und für Mädchen, aber natürlich generell für alle anderen Nicht-weiß-männlich-straight-und-able-bodied Randgruppen – in der Musik ein kleines bisschen beitragen zu dürfen. Denn wenn ich eins nicht mehr sehen kann, dann sind es komplett homogene Festival-Line-Ups. Mehr Ups! Als Festival! Und wenn ich eins nicht mehr hören kann als Antwort darauf, sind es Aussagen wie: „Frauen können halt einfach keinen Rock!“; „Frauen interessieren sich eben nicht dafür, Schlagzeug zu spielen!“; oder „Frauenstimmen nerven einfach, sie sind immer viel zu hoch und schrill!“ (Letzteres selbst gehört vom Gitarristen einer meiner Bands. I kid you not!). Um doch wenigstens einmal die eingangs erwähnte Vivien Goldman zu bemühen:

„Artists like the world’s first black punk, the mixed-race Poly Styrene with frizzy hair and braces, would likely have been deemed unfuckable, thus unmarketable (…) yet, she immediately became one of punk’s great sheroes, her unfettered howl shattering the idea that girls had to sing prettily to be heard (…) it’s different for girls (…) Within showbusiness, we are often regarded as replaceable fresh meat, best consumed when young. That’s why punk is so great for girls – it allows or even encourages the artist to roar the anger (…) and we still have reason to roar.” (2019, S. 5ff).

Was wir alle brauchen, das ist eine Selbstverständlichkeit von Vielfalt.

Das ist, nicht einfach nur verbittert über den male gaze rumzumotzen und weiter hinnehmend zu konsumieren, sondern uns darauf zu konzentrieren, eine Welt zu bauen, in der er nicht mehr so wichtig ist – eine „community of creative musical girls“ (ibid.) nämlich.

Dies ist ein FH-Manifest, und es bedeutet für Jede_n von uns:

  • Den Mund aufmachen und sich trauen, auch mal anzuecken.
  • Selbst nachdenken, statt bequem nach Stereotypen in Schubladen einzusortieren.
  • Aufs eigene Bauchgefühl hören.
  • Fan-Girl oder -Boy sein, in voller Hingabe.
  • Ehrlichkeit, auch in emotionalen Dingen.
  • Das Jahrhunderte alte Schweigen von und über weibliche Kunst- und Musik-Schaffende zu durchbrechen, mit dem Mut, den eigenen Beitrag zu leisten – wie auch immer, du gerne abseits der Norm.
  • Die eigenen Produktions- und Distributionsmittel kontrollieren.
  • Das sind (zumindest zunächst noch, als dringend notwendiger Anschub) Quoten, das sind Netzwerke, Vorbilder und positive Role Models für Jede_n von uns.

Then, we become empowered – or UNFUCKABLE WITH.

***

Dieser Essay erschien 2020 als Teil des Bandes Musik und Empowerment (Springer). Mit Dank an meinen Freund und Mit-Herausgeber, den Musiksoziologen, Feministen und all-round fabulous human being, Dr. Holger Schwetter! Hier ein Bild von der Buchlaunchparty in Berlin-Kreuzberg:

🙏🏻❤️🤘🏻

PS: Spricht Dich dieses Manifest an? Ich baue gerade eine Community rund ums empowernde Schreiben samt Gruppencoachings für verschiedene Levels; schau mal rein – vor allem, aber nicht nur, wenn Du selbständig bist oder werden willst.


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